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Der Zentralbau
bildet zum basilika-lastigen Bautyp insofern eine grundsätzlich andere Bauphilosophie, als seine Hauptrichtung nicht in einer horizontalen, sondern sehr bewußt in einer vertikalen Mittelachse liegt. Was symbolisch damit ausgedrückt wird: Gott ist in unserer Mitte - und steht gleichzeitig über uns. Der christliche Zentralbau als solcher weist damit wie ein Pfeil senkrecht in den Himmel hinein. Sein Grundriß ist rund oder achteckig. Zwar gibt es auch Vorhallen - oder wie hier, im Falle der Dresdner Frauenkirche, einen außen angefügten, halbrunden Altarraum. Das ist aber bereits eine Abweichung vom Idealtypus des religiös-christlichen Zentralbaus.
Daß der Zentralbau insbesondere für den Protestantismus
der Barockzeit eine Rolle spielt, liegt weiterhin daran, daß in der protestantischen Kirche Predigt und Gemeindegesang eine größere Rolle als im katholischen Zeremoniell spielen. Die Gemeinde sollte - um den zentral von der Gebäudemitte aus und nach allen Seiten hin sprechenden Priester stärker zusammengefaßt werden. Da dem Zentralbau, seiner Natur nach, eine Längsachse fehlt, sollte dies durch Emporenkonstruktionen auf unterschiedlichen Höhen bewerkstelligt werden.
Zentralbauten finden sich in Form des altrömischen Pantheons bereits in vorchristlicher Zeit. Aus früher christlicher Zeit ist die Hagia Sophia als byzantinisches Baubeispiel erhalten (seit Untergang des
oströmisch-byzantinischen Reichs Nutzung als Moschee). San Vitale in Ravenna (ca. 500-550) und die Aachener Palastkapelle Kaiser Karls des Großen kommen ebenfalls schnell in den Sinn. Auch die Peterskirche in Rom
(Spät-Renaissance, Entwurf von Michelangelo) ist in ihrer anfänglichen Grundform ein Zentralbau. Erweiterungen, um diesen Zentralbau herum, wurden erst hernach angefügt.
Mit der Renaissance-Stilepoche finden sich
- nicht nur in den italienischen Städten Florenz und Venedig - in verstärktem Maß Zentralbauten. Aus dem Barock existieren gleichrangige Zentralbauten zur Dresdner Frauenkirche in London (St. Paul) und Paris
(Invalidendom). Die mächtigen Kuppelkonstruktionen der Renaissance- und Barockzeit sind bautechnisch gesehen ausgeprägte Beispiele für architektonische Waghalsigkeiten. Eine weitergehende Mathematik und
Werkstofftechnik, die in Ingenieurpraxis und Baustatik heute als zwangsläufige Grundlage solcher Bauvorhaben angesehen würde, existierte zur George Bährs Zeiten noch nicht. Aus baustatischer Sicht kritsch ist vor allem
die steinerne Ausführung der Kuppel zu werten. Im Regelfall handelte es sich um Kuppeldachstühle aus Holz. St. Paul in London besitzt bereits eine steinerne Kuppel. Während St. Pauls Kuppel jedoch durch eine
Bleieindeckung verkleidet ist, dokumentiert die Kuppel der Frauenkirche auch nach außen hin ihren steinernen Charakter. Sie kündet damit unmittelbar vom erhöhten Ruhm ihres Baumeisters: Stein-Architektur galt und gilt
mehr als Holzkonstruktionen.
Die Frauenkirche, auf engem Raum inmitten Dresdner Straßen errichtet, weist drei identische Seiten auf. Nur die Ostseite bildet, mit der “ausgestülpten” Apsis-Rundung, eine Abweichung
von diesem Symmetrie-Prinzip. Der Hauptgrundriß ist achteckig: Drei große Fronten (sowie die Apsis-Seite) werden dabei durch vier kleinere, im 45°-Winkel zu den Hauptfronten angeordneten Giebelseiten, voneinander
getrennt. Jedem der vier kleinen Giebelseiten sitzt ein gleichartiger Turm auf. Vom unteren Baukörper aus verjüngt sich ab dem Hauptgesimse nach oben hin ein Dachaufschwung zur Kuppelbasis. Dann allerdings setzt nicht -
wie bei vielen anderen Zentralbauten - sofort eine halbkugelförmige Kuppel an. Zunächst beginnt vielmehr ein Zylinderteil, der die nun erst folgende halbkugelförmige Kuppel um etliche weitere Meter aus ihrer Umgebung
erhebt. Äußerlich gewinnt die Kirche dadurch an Mächtigkeit. Der hohe Seitenschub der steinernen Kuppel hätte sich jedoch besser durch eine unmittelbar aufsetzende Halbkugel auf die Untermauern hin verteilen lassen.
Auf dem Kuppelscheitel setzt schließlich, als krönender Himmelsabschluß der Kirche, eine typisch barocke Laterne auf.
Eingliederung in die Barock-Silhouette Dresdens
Die einheimische
Bevölkerung betrachtete Sachsen als zentralen Ausgangspunkt des lutherischen Protestantismus. Zu Zeiten des Absolutismus nahm der sächsische Kurfürst August der Starke auf diesen Umstand nur ungern Rücksicht.
Immerhin ergriff er 1697 seine Möglichkeit, zusätzlich König des katholischen Polen zu werden. Dieser Herrscherrang ging auf seinen Sohn, August III., über. August III. hatte aber nicht nur auf den polnischen
Katholizismus Rücksicht zu nehmen. Seine Gemahlin stammte aus dem Herrscherhaus der österreichischen Habsburger und kam damit ebenfalls aus einem urkatholischen Umfeld. Als Gegenpol zur Frauenkirche, die gemäß
ihrem protestantisch interpretierten Architekturideal des Zentralbaus eine volkesorientierte Kirche war, entstand somit ein katholisch konservativer Gegenpol: die ebenfalls barocke Hofkirche zu Dresden
(1738-1755 des italienischen Architekten Chiaveri.
Durch das berühmte Elbblick-Gemälde des Barockmalers Canaletto
wurden beide Kirchenkomplexe als barocke Silhouettenschau Dresdens weltweit bekannt. Erst im Verlauf des 2. Weltkrieges, als der Luftkrieg
zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich eskalierte und sich auch auf nichtmilitärische Ziele ausweitete, hatte die Pracht der Barockstadt Dresden mit der Nacht des 13. Februar 1945 ein jähes Ende. Der berüchtigte britische Nachbomberangriff, am darauffolgenden Tag durch einen amerikanischen Bomberangriff ergänzt, legten auch nichtmilitärische Bereiche Dresdens in Schutt und Asche. Einen Tag später, am 15. Februar, stürzte die in ihrer Bausubstanz geschüttelte Frauenkirche ein.
Der Wiederaufbau wurde seit 1991 (?) auf private Bürger-Initiative hin betrieben. 2005 wurde die Frauenkirche als eines der wichtigsten Glanzstücke des europäischen Barockzeitalters im Wiederaufbau vollendet.
© 2000 / 2007 - Rainer Maria Liesenfeld |