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Gotik: himmelwärts Den gotischen
Baustil vor allem mit seinem wesentlichen Erkennungsmerkmal, dem Spitzbogen zu beschreiben, greift zu kurz. |
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Wie viele folgende Baustile, so besitzt auch das gotische Mittelalter seine speziellen gesellschaftlichen
Hintergründe. Und aus heutiger Zeit stellt sich die Gotik als einer der ideologisch wirksamen Baustile dar. |
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Düstere Zeit des Mittelalters. Klappernde Rüstungen - die Ritter (= berittene Kämpfer, bewaffnete Reiter) kaum fähig,
sich in einem Korsett aus Metall auf dem Pferd zu halten. Bogenschützen auf den Schildmauern der angegriffenen Burg. Aus den Pechnasen der Tortürme und den Öffnungen der Klosett-Erker wird brühendes Wasser
und brennender Schwefel auf die Gegner gekippt. Unten versuchen die Angreifer mit Rammböcken, das Tor der Vorburg zum Splittern zu bringen |
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Das romantische Bild der Burg
- wie es uns trotz verfeinerter Geschichtsforschung noch immer häufig vor Augen schwebt, ist - kurz gesagt - eine Fälschung. Oder noch besser gesagt: Es ist eine - großenteils verherrlichende - Fehlinterpretation, die im 19. Jahrhundert und eben mit der Zeitströmung der Romantik entstanden ist. Lesen Sie Genaueres dazu im >> Pfeilfinder - Burgen spezial.
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Oben:
Kreuzblumen umzieren und krönen die Fialen des Kölner Doms. |
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Rechts:
Heute Spitzbogen-Idylle, damals ein Todeskessel für den vordringenden Feind. Detail der mittelalterlichen Stadtbestigung von Warburg (Westfalen) mit zwingerartiger Abwehr-Anlage. |
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Wie sieht das gotische Kulturleben aus? - Das höfische Kulturleben mit Minnegesang: Holdes Fräulein auf der Zinnen... angeblich
alles platonisch gemeint. Nun ja. Kultureller Wunsch und biologische Wirklichkeit.Armbrust-Jagden, Ritterturniere. Lanzenstoßen. Schwertkämpfe. Der gesellschaftliche Stand des Ritters und Burgherrn
ist fest etabliert und kaiserlich abgesegnet. |
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Machtvoll erhoben droht Burg Vianden ins Tal. Rechts ein typisch gotischer Turm mit spitzem Helmdach.
Vor den mit gotischem Stufengiebel gezierten Burg-Palas stellt sich schützend die Schildmauer mit Schalentürmen. |
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So düster die Gepflogenheiten der Zeit, so licht waren die Wälder. Es gab sie praktisch gar nicht. Es gab vor
allem einen strauchhohen Niederbruchwald. Denn die aus den Dörfern getriebenen Schweine vertilgten die Samen und Früchte der Bäume, vor allem die Bucheckern und Eicheln. Die Köhler verschwelten das Waldholz
zu Braunkohle.. Ein Typus Wald, wie wir ihn heute vor Augen haben, konnte unter diesen Umständen gar nicht erst aufkommen. |
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Und die Architektur? Im Gegensatz zu den vielen bodenständig fest wirkenden Gebäudetypen der Romanik recken sich die gotischen Nutz-
und Sakralbauten weit in die Höhe. Himmelstürmende Kathedralen. Selbst die Teilgebäude der Burgen - eigentlich Nutzbauten mit einem militärischen Zweck nach außen hin - wachsen jetzt ganz modebewußt mit schlanker
Wirkung nach oben. Die Burgmauern sind keineswegs dünner geworden. Aber zumindest bei den Höhenburgen bieten die als Burgplatz gewählten Felskegel keine Ausbreitungsmöglichkeit. Was nicht in die Breite gehen darf, reckt
sich eben nach oben. Und da oben weht der Wind etwas kräftiger. Glas ist ein teures Luxusgut. Durch die schmalen Fensteröffnungen zieht es wie Hechtsuppe. Nur die Kemenaten bieten etwas höheren Lebenskomfort. Sie
liegen, von Bergfried und Außengebäuden beschützt, im sicheren Innenbereich der Burg.Vom Rhein entfernt, in Richtung Norden, Münsterland
und weiter ins norddeutsche Flachland, gibt es keine Höheburgen. Hier läßt sich die gesellschaftliche Erhobenheit nicht durch eine Berglage des eigenen Hauses demonstrieren. Demgemäß haben die Burgherren weniger Macht. Aber das mögen Sie durch einen besseren Wohnkomfort ausgeglichen haben. Den ersten Schutz gegen Angreifer bietet bei einer solchen Niederungsburg der Wassergraben. Heute schützt das Wasser dieses Grabens nicht mehr militärische Angreifer. Es schützt vielmehr den Fortbestand der Gebäudemauern. Diese stehen nur teils auf einer Motte (= einer frühmittelalterlichen Erdanhäufung zur Erhöhung des Burgareals). Vor allem im Außenbereich, direkt am Wassergraben wurden vielfach Holzbohlen und Stämme als Fundament-Grundlage verwendet. Fällt der Burggraben nun trocken oder ist das Wasser des Grabens zu sauerstoffreich, beginnt das uralte Holz zu faulen. Das Fundament kann damit wegbrechen - und mit ihm die steinernen Zeugnisse der Vergangenheit.
Aus dem bäuerlichen Bereich ist heute praktisch kein nennenswerter Steinbau mehr erhalten. Und die bis heute erhaltene Fachwerkgotik der Dörfer läßt sich schnell abzählen. Möglicherweise war es ein
Privileg der Herrschenden, mit Stein zu bauen. So jedenfalls hätte der Mangel an bäuerlichen Steinbauten aus der Zeit der Gotik schnell eine Erklärung gefunden. |
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Die leibeigenen Bauern liefern den Zehnten ihrer Ernte an die Kirche ab. Hinzu kommen die Schutzgelder an den Burgherrn. Kein
Wunder, daß die Bauern als Handwerker in Richtung der entstehenden Städte drängen. Denn “Stadtluft macht frei”. |
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Daß es sich bei der Freiheit der Städter um eine sehr relative Angelegenheit handelt, versteht sich von selbst. Aber das
städtische Bürgertum beginnt seine Macht gegenüber weltlichen und kirchlichen Herrschern zu behaupten. Auch die Bürgervertretungen, der hohe Rat der Städte, bauen nun mit Stein. Das gotische Kölner Rathaus
symbolisiert seinen Machtanspruch sogar mit einem turmhaft hohen Gebäude. Neben Dom und Groß St. Martin ragt es über die Dächer der Altstadt deutlich hinaus. |
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Gotische Bürger- und Kommunal- bauten in den Städten:
Ganz oben links: Fassade des gotischen Rathauses von Bad Münsteifel (Nordrhein-westfälische Eifel).
Oben links: Rathaus von Göttingen
Oben Mitte: Bürgerhaus mit gotischem Stufengiebel in Bad Münstereifel. |
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Oben rechts:
Der schwere Stufengiebel des ehemaligen Altstadt-Rathauses von Warburg (Westfalen). Das Gebäude wurde 1336 / 1337 errichtet.
Links:
Rathaus zu Braunschweig mit Querbau im rechten Winkel. Der Laubengang ist doppelt-geschossig. |
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Das gesellschaftliche Leben findet im Freien statt, vor den Kirchen oder sogar darin: Viehhandel, Hochzeiten, Festempfänge von
weltlichen und kirchlichen Machtträgern. Die Menschen verrichten ihre Notdurft auf der Straße. Es stinkt erbärmlich an allen Ecken und Enden der Städte und Dörfer. Optimale Lebensumstände für Ratten. Optimale
Verbreitungsbedingungen für die Pest.Lepröse werden in abgeschirmten Stationen von den Gesunden ferngehalten: Sie haben den “Aussatz”. Sehr bekannt ist aus dieser Zeit die Kölner Lepra-Kolonie
Melaten. Der heutige Melatenfriedhof in Nähe des Universitätsviertels erinnert mit seinem Namen noch heute an diesen traurigen Ort der Seuchenverbannung. Der Autor Frank Schätzing beschreibt die Szenerie in seinem
historischen Köln-Roman “Tod und Teufel.” Welch erbärmliche Zeit! möchte man rufen. Wo die Prediger Angstphantasien unters Volk bringen, wo sich die dunklen Sagengestalten der Kelten und Germanen mit
Fegefeuer-Teufeln und feuerspeienden Drachen zu den Drohfratzen und Hexenwarnungen des mittelalterlichen Christentums vermischten. Wo die Erde noch eine Scheibe war, an deren Rand ein neugieriger Tölpel hinabtaumeln
konnte in eine schwarze Ödnis. Angesichts dieser Zustände beginnt man zu verstehen, daß den Menschen wenig anderes übrigblieb, als eine gehörige Portion Gottvertrauen zu pflegen. Die
spitztürmigen Kirchen und Kathedralen recken sich hochgewachsen in den Himmel - dorthin, wo man noch längst nicht ein luftleeres Weltall, sondern den lieben Gott persönlich vermutete. Dorthin, wo es ein Ende hätte mit
einem erbärmlichen Erdenleben: mit verfaulten Zähnen, mit kaputten Knochen, mit Ablaßhändlern, mit fadem Hirsebrei und launigen Herrschern. |
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